Zuckerrohrfeld

Zucker: Wenn von der Pflanze nur die Süße bleibt

Zucker ist kein Gift. Aber er ist das klarste Beispiel für das Muster, das sich durch die ganze moderne Nahrung zieht: Man nimmt eine ganze Pflanze, streift alles ab und behält nur das reine, süße Kristall. Und kein Stoff hat unser Leben schneller überschwemmt als dieser.

Im Original kommt Zucker nie allein

In der Frucht, in der Rübe, im Zuckerrohr ist der Zucker immer eingepackt. Er kommt mit Ballaststoffen, mit Wasser, mit Mineralien. Die Ballaststoffe sind die Bremse: Sie lassen den Zucker langsam ins Blut. Das Wasser macht satt. Die Mineralien kommen gleich mit. So hat die Schöpfung die Süße verpackt. Der Zucker in einem Apfel steckt in Fasern und Wasser, du kannst dich kaum daran überessen. An Apfelsaft oder Cola schon, weil dort genau die Verpackung fehlt.

Was die Raffinerie übrig lässt: reine Süße

Der Saft wird geklärt, gekocht, geschleudert und gefiltert. Dabei wird die Melasse abgetrennt, jener dunkle Sirup, der die Vitamine und Mineralien der Pflanze trägt: Eisen, Calcium, Magnesium, Kalium. Übrig bleibt ein Kristall aus über 99,9 Prozent reiner Saccharose. Keine Ballaststoffe, keine Mineralien, keine Vitamine. Man nennt es zu Recht leere Kalorien: reiner Brennstoff ohne Bremse und ohne Paket.

Die Folge kennst du schon von anderen Seiten. Ohne die Faserbremse schießt der Zucker ins Blut, die Bauchspeicheldrüse feuert Insulin hinterher (siehe Blutzucker und Insulinresistenz). Was der Körper an Fruchtzucker nicht sofort braucht, baut die Leber in Fett um (siehe die Leber unterstützen). Dasselbe Muster wie beim Korn und beim Salz: das Ganze wird herausgenommen, das Isolierte bleibt.

Von der Rarität zur Flut

Über den größten Teil der Geschichte war Zucker eine Seltenheit, ein Luxus, zeitweise sogar Medizin. Um 1700 aß ein Mensch etwa zwei Kilo im Jahr. Heute sind es in vielen Ländern 35 bis über 45 Kilo. Das ist keine Verzehnfachung durch mehr Appetit, sondern durch Allgegenwart. Zucker steckt heute im Brot, in der Sauce, im Joghurt, im Müsli, das sich gesund nennt, und natürlich in jedem Getränk. Ein Körper, der für gelegentlichen Honig gebaut ist, schwimmt heute in täglichem Zucker. Das ist neu, und es ist der Kern des Problems.

Brauner Zucker, Kokosblüte, Honig: ehrlich hingeschaut

Hier bleiben wir ehrlich, auch wenn es unbequem ist. Brauner Zucker, Rohrohrzucker und Kokosblütenzucker sind kaum weniger raffiniert oder schlicht weißer Zucker mit etwas Melasse zurück. Ihre Mineralmengen sind winzig. Honig und Ahornsirup sind natürlich, bleiben aber Zucker. Kein süßes Kristall wird durch einen edleren Namen zur Gesundkost. Der ehrliche Weg ist nicht, ein Süßungsmittel gegen ein anderes zu tauschen, sondern die Süße dort zu holen, wo sie hingehört: in der ganzen Frucht, und den versteckten Industriezucker zu kürzen.

Was die Bibel über Süße sagt

Bienen an der Honigwabe

Honig ist der Süßstoff der Bibel, und er wird gelobt. „Iss Honig, denn er ist gut“ (Sprüche 24,13). Das Land der Verheißung fließt von Milch und Honig. Doch dieselbe Weisheit warnt im selben Atemzug vor dem Zuviel: „Hast du Honig gefunden, so iss, soviel dir genug ist, damit du nicht satt davon wirst und ihn ausspeist“ (Sprüche 25,16). Und noch deutlicher: „Zu viel Honig essen ist nicht gut“ (Sprüche 25,27).

Das ist bemerkenswert. Die uralte Weisheit wusste längst, was heute jede Ernährungsstudie bestätigt: Süße ist gut im Maß und schädlich im Übermaß. Und der biblische Honig kam ganz, mit seinen Enzymen und Spuren, in kleinen Mengen, mühsam gesammelt. Nicht als raffiniertes Kristall, kiloweise, in jedem Regal.

Und wo die Bibel süßt, süßt sie mit ganzer Frucht: Der biblische „Honig“ (debasch) war oft Dattel- oder Traubensirup, das arabische dibs, das man bis heute bei Jericho kocht. Dazu Rosinen und frische Frucht. Konzentrierte Süße aus der ganzen Pflanze, nie der isolierte Kristall.

Weisheit, kein Gesetz

Zucker ist keine Sünde, und dies ist keine Verbotsliste. Im Neuen Bund macht dich keine Speise schlechter, und Schuldgefühle beim Essen sind nicht der Punkt (Römer 14; 1. Timotheus 4,4). Es ist eine Einladung zur Weisheit. Hol deine Süße aus der ganzen Frucht, mit ihrer eingebauten Bremse. Nimm Honig im Maß, wie die alte Weisheit es sagt. Und der größte Hebel liegt im versteckten Zucker: ein Blick auf die Zutatenliste bringt mehr als jeder Verzicht auf das Stück Obst. Nimm die Süße, wie sie gewachsen ist.

Fachliche Grundlage u.a.: T&T Clark Handbook of Food in the Hebrew Bible and Ancient Israel (Bloomsbury 2022).

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