Kuh auf einer Weide

Milch: Wachstumsprogramm für Kälber, ehrlich betrachtet

Milch ist das eine Lebensmittel, das wirklich als Nahrung gemeint ist. Nur eben für das Baby der Art, die sie gibt. Kuhmilch ist ein Wachstumsprogramm für Kälber. Dieser eine schlichte Fakt ist der ehrliche Anfang jedes Gesprächs über Milch, und er wird selten laut ausgesprochen.

Milch ist ein Wachstumssignal, kein neutrales Lebensmittel

Ein Kalb wiegt bei der Geburt etwa 40 Kilo. Ein knappes Jahr später kann es ein paar hundert Kilo wiegen. Das schafft die Milch der Mutter, und dafür ist sie randvoll mit Wachstumssignalen: mit Wachstumsfaktoren, allen voran IGF-1 (insulinähnlicher Wachstumsfaktor), mit Hormonen und mit der genau passenden Mischung aus Eiweiß und Mineralien für schnellen Aufbau. Milch ist kein neutraler weißer Saft. Sie ist ein gezieltes Programm, das etwas schnell wachsen lässt. Das ist kein Vorwurf, das ist Biologie.

Hormone und IGF-1: was drin ist und was es heißt

Kuhmilch enthält von Natur aus Kuhhormone, vor allem Östrogene und Progesteron, und den Wachstumsfaktor IGF-1. Moderne Milchkühe werden meist während der Trächtigkeit weitergemolken, deshalb trägt handelsübliche Milch mehr davon als die Milch einer Kuh auf der Weide es früher tat. Und Studien zeigen: Wer Milch trinkt, hat ein höheres IGF-1 im Blut.

Jetzt kommt die ehrliche Einordnung, denn hier wird oft übertrieben, in beide Richtungen. IGF-1 ist ein Wachstumssignal. Ein hoher IGF-1-Spiegel im oberen Bereich ist in Beobachtungsstudien mit einem erhöhten Risiko für einige Krebsarten verbunden, besonders Brust und Prostata. Aber eine Beobachtung ist kein Beweis. Es ist nicht gesichert, dass Milch Krebs verursacht, die Studienlage widerspricht sich, und für andere Fragen findet man Milch neutral oder sogar günstig. Was man fair sagen kann: Einem erwachsenen Körper dauerhaft ein Wachstumssignal zuzuführen, das für das schnelle Wachsen eines Kalbes gemacht ist, verdient einen wachen Blick. Kein blindes Vertrauen und keine Panik. Ein Hinweis noch: Das künstliche Wachstumshormon rBGH wird in den USA eingesetzt, in der EU ist es verboten. EU-Milch enthält also kein zugesetztes rBGH.

Homogenisiert und pasteurisiert: was die Verarbeitung tut

Ein Glas Milch

Homogenisieren heißt: Die Milch wird unter hohem Druck durch winzige Düsen gepresst, damit die Fettkügelchen so klein zerschlagen werden, dass sich der Rahm nie wieder absetzt. Das ist eine reine Entscheidung für Textur und Haltbarkeit, die gleichmäßige Milch ohne Rahmrand. Und hier bleiben wir ehrlich in die andere Richtung: Die beliebte Behauptung, das homogenisierte Fett gelange dadurch direkt ins Blut und schädige die Arterien, ist nicht bewiesen und wird von der Forschung überwiegend verworfen. Das verkaufen wir dir nicht. Wahr ist das Schlichtere: Eine natürliche Struktur wird mechanisch verändert, für das Regal, nicht für dich.

Pasteurisieren heißt Erhitzen, um Krankheitserreger abzutöten. Das ist ein echter Sicherheitsgewinn, Milch hat früher Tuberkulose und andere Krankheiten übertragen. Aber die Hitze tötet auch die nützlichen Bakterien, macht Enzyme unwirksam und senkt einige hitzeempfindliche Vitamine. Du gewinnst Sicherheit und verlierst einen Teil des Lebendigen. Manche greifen deshalb zu Rohmilch. Das gehört ehrlich und verantwortungsvoll gesagt: Rohmilch trägt ein reales Infektionsrisiko, etwa durch Listerien, EHEC-Bakterien oder Campylobacter. Das kann ernst werden, besonders für Schwangere, kleine Kinder, alte und immungeschwächte Menschen. Diese Entscheidung trifft man nicht leichtfertig, und mancherorts ist sie genau deshalb geregelt.

Der Körper weiß es: Laktose nach dem Abstillen

Das deutlichste Zeichen, dass Milch für die Jungen gemacht ist, steckt im eigenen Körper. Die meisten Säugetiere schalten das Enzym Laktase nach dem Abstillen ab, weil Milch nur für die Babyzeit gedacht war. Und die meisten Menschen tun dasselbe. Rund zwei Drittel der Erwachsenen weltweit verlieren nach der Kindheit den größten Teil ihrer Laktase. Das ist der Normalzustand, kein Defekt. Die Fähigkeit, Milch auch als Erwachsener zu verdauen, ist eine junge genetische Anpassung, vielleicht 10.000 Jahre alt, die sich vor allem bei den milchwirtschaftenden Völkern Nordeuropas ausbreitete, über 95 Prozent in Skandinavien, während sie in weiten Teilen Asiens und Afrikas selten ist. Für den größten Teil der Menschheit sagt der Körper selbst: Milch war für die Zeit, als du klein warst.

Milch in der Bibel: Segen, aber Kindernahrung

Milch ist in der Bibel durchweg positiv. Das verheißene Land fließt von Milch und Honig, ein Bild für Fülle und Versorgung. Abraham setzt seinen Gästen Dickmilch und Milch vor (1. Mose 18,8). Doch achte darauf, wofür die Bibel die Milch als Bild nimmt: für die Nahrung der Kleinen und der Anfänger. Paulus schreibt: „Milch habe ich euch zu trinken gegeben und nicht feste Speise“ (1. Korinther 3,2). Der Hebräerbrief tadelt die, die noch Milch brauchen statt fester Nahrung (Hebräer 5,12-14). Petrus ruft neue Gläubige, nach der Milch zu verlangen „wie die neugeborenen Kinder“ (1. Petrus 2,2).

Das biblische Bild deckt sich also mit der Biologie: Milch ist der Anfang, die Nahrung der Jungen, und reif werden heißt, zu fester Speise überzugehen. Und die Milch der Bibel kam frisch von den eigenen Ziegen und Schafen, meist gesäuert zu Dickmilch und Käse. Nie homogenisiert, nie aus der Fabrik.

Die Forschung bestätigt dieses Bild: Im alten Israel gaben vor allem Ziegen und Schafe die Milch, und wo die Bibel Milchprodukte nennt, sind es Käse, Dickmilch und Butter, also die gesäuerten, haltbaren Formen, kaum je die frische Trinkmilch. Genau der Weg, der bis heute am bekömmlichsten ist.

Weisheit, kein Gesetz

Das ist kein Verbot und keine Angstkampagne. Im Neuen Bund macht dich keine Speise unrein (Römer 14; 1. Timotheus 4,4), und Milch ist nirgends verboten. Es ist eine Einladung, klar hinzuschauen. Wenn du Milchprodukte nutzt, gibt es ein paar weise Wege: Bevorzuge die gesäuerten Formen, die schon die Alten kannten, also Joghurt, Kefir und gereiften Käse. Sie sind teils vorverdaut, oft besser verträglich und näher an der ursprünglichen Art. Nimm möglichst wenig Verarbeitetes, am besten von Tieren aus Weidehaltung. Und beobachte ehrlich, ob dein eigener Körper es gut verträgt, viele fühlen sich mit weniger davon besser. Kein Versprechen, keine Schuld. Verstehe, was Milch ist, und entscheide dann in Freiheit.

Fachliche Grundlage u.a.: T&T Clark Handbook of Food in the Hebrew Bible and Ancient Israel (Bloomsbury 2022).

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